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Texte über unser theater

Texte über unser Theater

Folge 1

In den nächsten Wochen werden hier Texte von Menschen erscheinen, die eine besondere Beziehung zu bodi end sole haben.
Der erste in dieser Reihe ist Gerhard Hartmann, mit dem ich drei Produktionen verwirklicht habe.

Am Anfang stand eine glutäugige Schöne aus Sevilla - Carmen mit Namen. Die arbeitet in Bizets berühmter Oper bekanntlich in einer Zigarrenfabrik. Und da sich der Stammsitz von Theater bodi end sole in Hallein auch in einer ehemaligen Zigarrenfabrik befindet, lag der Gedanke nah, dafür eine maßgeschneiderte Carmen-Adaption zu entwickeln. Dass die schöne Spanierin nie die klitzekleine Bühne betrat, ist Christa Hassfurther zu verdanken. Zur ersten Konzeptbesprechung des von ihr angeregten Projektes brachte sie ein Taschenbuch mit aufregendem Inhalt mit: Lebensgeschichtliche Interviews mit der letzten Generation der Halleiner Zigarrenarbeiterinnen. Die „Tschikweiber“ waren geboren, für mich eines ungewöhnlichsten Theaterabenteuer meines Leben. Was 1995 mit vier Vorstellungen im Theater bei den Drei Pagen begann, wurde zum Dauerbrenner. Und zum Stadtgespräch. Zuschauer erzählten uns nach den Vorstellungen von ihren familiären Verknüpfungen mit der Halleiner Tabakfabrik, erinnerten sich an eigene Geschichten. Ein Theaterabend hatte ein Stück kollektiven Unterbewusstseins in Hallein wieder an die Oberfläche gespült. Eine ganze Stadt erinnerte sich plötzlich wieder an ein Stück ihrer Geschichte und entdeckte sie neu. Ein Theaterstück hatte eine ganz direkte Wirkung auf das soziale Umfeld. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt, und später auch nur noch ein einziges Mal, in einem Dorf in Patagonien. Ein Wunder für mich, denn unser Stück war kein klassisch gestricktes Historiendrama, sondern eine ziemlich moderne Collage im Volksstück-Gewand, was niemanden zu stören schien, im Gegenteil. Theater verhandelt Wirklichkeit auf einer offenen Bilderebene - wir hatten, ohne dass es unser Ziel gewesen wäre, eine neue Art Volkstheater gefunden. 

Mit dieser grandiosen Erfahrung im Rücken ging unsere Auseinandersetzung mit regionaler Geschichte weiter. In ganz großen Dimensionen und unter Einbindung vieler Kulturinitiativen.. „Salinenstadt 1 und 2“ waren der Versuch, die Geschichte des Salzes und die Wechselwirkung mit den Menschen in Hallein dort zu untersuchen, wo das Salz seit Jahrhunderten abgebaut und verarbeitet wurde. Im Berg und im Tal. Zwei Großprojekte mit jeweils über 100 Mitwirkenden, bei denen der Traum so manches mal mit der Machbarkeit kollidierte. Oft stießen wir an unsere physischen und vor allem auch finanziellen Grenzen. Trotzdem war es für mich eine großartige Erfahrung, wie viele Menschen unser Projekt mit ihrer Kreativität und Tatkraft unterstützten. 

Im letzten Jahrzehnt war ich nur noch als interessierter Zuschauer bei bodi end sole. Ich sah Stücke, in denen Christa Hassfurther phantasiereich und sehr professionell ihren Weg zu einem assoziationsreichen literarischen Erzähltheater mit regionaler Anbindung weiterging. Hallein kann sich glücklich schätzen ein so quicklebendiges, innovatives und qualitativ hochwertiges Theater zu beherbergen. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum - und auf viele spannende Bühnenabenteuer in der Zukunft!

 

 

Gerd Hartmann

Theaterregisseur und Journalist, lebt in Berlin. Neben vielen anderen freien Projekten arbeitet er seit 1993 kontinuierlich als Regisseur mit Theater Thikwa zusammen, einem der profiliertesten integrativen Theater im deutschsprachigen Raum, das Künstler mit und ohne Handicap zusammenbringt. Seine bildersatten, humorvoll-poetischen Inszenierungen wurden auf diverse internationale Festivals eingeladen. Seit 2011 leitet er das Theater Thikwa.
Ein zweiter Schwerpunkt seiner Arbeit sind interkulturelle Projekte auf der ganzen Welt, aktuell in Russland und Japan. Für Theater bodi end sole schrieb und inszenierte Gerd Hartmann in Zusammenarbeit mit Christa Hassfurther die Stücke „Tschikweiber“ (1995-2001), „Salinenstadt 1 und 2“ (1998/99)